Die wunderbare Welt unseres Endocannabinoidsystems

Am von Paul Purgina

Die wunderbare Welt unseres Endocannabinoidsystems

Die Geschichte des Endocannabinoidsystems begann mit einem großen Missverständnis: Als Forscher 1992 ebenjenes entdeckten waren sie im Grunde nur auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage warum Cannabis beim Menschen Wirkung entfalten kann.

Ihre – stark gekürzte – Antwort lautete: Wegen des Endocannabinoidsystems. Von den weitreichenden Rezeptorenpfaden dieses ausgeklügelten Systems innerhalb unseres Körpers wusste damals noch niemand Bescheid, weswegen es nach den in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoiden – die zufällig ebenfalls auf dieses System einwirken – benannt wurde.

Inzwischen – 25 Jahre später – weiß man vieles mehr über das Endocannabinoidsystem, wobei eine Erkenntnis grundlegend ist: Die Wirkmächtigkeit dieses Systems reicht weit über jene Wirkungen hinaus, die die Hanfpflanze stimulieren kann. Doch dazu später mehr.

Was ist das Endocannabinoidsystem überhaupt?

Ganz simpel lässt sich dieses System als eine Ansammlung von Rezeptoren in unserem Körper beschreiben, der Vergleich von Schlössern und Schlüsseln ist hier ein gern genutzter: Jeder Zellrezeptor ist wie ein Schloss – wird er entsperrt, sendet er Signale an die Zelle und gibt ihr eine Anweisung. Der dazugehörige Schlüssel sind die Cannabinoide – diese werden einerseits vom Körper selbst produziert, können andererseits aber auch von außen zugeführt werden.

Doch bleiben wir vorerst beim Endocannabinoidsystem – wir wissen also nun, dass dieses System dazu da ist, Informationen an Zellen weiterzuleiten. Doch da unser Körper unzählige Zellen hat, variieren auch die weitergeleiteten Informationen, wissenschaftlich spricht man von unterschiedlichen Cannabinoid-Rezeptoren.

 

Welche Cannabinoid-Rezeptoren gibt es?

Grundsätzlich lässt sich diese Frage nur mit Schulterzucken beantworten: Wir wissen es nicht. Wir wissen aber über zumindest zwei Cannabinoid-Rezeptoren inzwischen schon recht gut Bescheid: Nämlich CB1 und CB2.

  • Cannabinoid-Rezeptor 1: Diese Rezeptoren sind vorrangig im Gehirn und dem Rückenmark anzutreffen und haben daher primär – jedoch nicht ausschließlich! - eine psychische Wirkweise. Beispielsweise nehmen die CB1-Rezeptoren Einfluss auf unsere Appetitregulierung oder die emotionalen Verarbeitung. Daneben finden sich diese Rezeptoren aber auch an Nervenenden, wodurch sie auch die Schmerzempfindung reduzieren können. Auch vermindertes Streßempfinden oder erhöhte Glücksgefühle können Resultat aktivierter CB1-Rezeptoren sein.
  • Cannabinoid-Rezeptor 2: Wenngleich auch CB1 medizinisch genutzt werden kann, sind CB2-Rezeptoren medizinisch die wichtigeren Cannabinoid-Rezeptoren. Dies liegt daran, dass sich CB2-Rezeptoren am stärksten in unserem Immunsystem wiederfinden und bei Aktivierung eine entzündungshemmende Immunreaktion entfalten. Da nahezu jede Krankheit Auswirkungen auf das Immunsystem nimmt und die CB2-Rezeptoren dieses in eine bestimmte Richtung hin aktivieren, kann das Wissen über den richtigen Umgang mit CB2-Rezeptoren zahlreiche neue Therapiemöglichkeiten für bereits bekannte Krankheiten mit sich bringen

Um zu verstehen, warum die Rezeptoren eine solche Bandbreiten potenzieller Wirkungsweisen haben können, ist es notwendig einen Grundgedanken mitzunehmen: Der Rezeptor selbst gibt nur Auskunft darüber, welche Cannabinoide er weiterverarbeiten kann. Die Wirkungsweise selbst wird von der Anordnung des jeweiligen Rezeptors in unserem Körper bestimmt. So wird ein aktivierter CB1-Rezeptor im Hypothalamus vor allem den Appetit beeinflussen, ein CB1-Rezeptor an den Nervenenden vor allem die Schmerzen. Eine weitere wichtige Beobachtung ist, dass die Rezeptoren sowohl agonistisch als auch antagonistisch bedient werden können. Dies bedeutet, dass Cannabinoide die Wirkung der Rezeptoren entweder verstärken oder dämpfen können.

Da uns noch das Wissen darüber fehlt, wie einzelne CB-Rezeptoren zu aktivieren sind, heißt das für die Praxis meist, dass ein zugeführtes Cannabinoid sämtliche CB1 (oder CB2)-Rezeptoren im Körper stimuliert. Dadurch erklärt sich auch die Wirkmächtigkeit von medizinischem Marihuana: Da die Cannabinoide auf alle Rezeptoren einwirken, lassen sich auch ganz unterschiedliche Effekte beobachten, je nach Problemzone im Körper. Gleichzeitig kann dies aber natürlich auch unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge haben.

Die zwei wichtigsten Cannabinoide – THC und CBD – im Überblick

Aus diesem Grund sollten wir uns also nun den Schlüsseln zuwenden, den Cannabinoiden. Sie bestimmen, welche Rezeptoren wie aktiviert werden.

Neben unseren körpereigenen Cannabinoiden – den Endocannabinoiden – kommen Cannabinoide auch in Pflanzen vor – die so genannten Phytocannabinoide. Die bekanntesten finden sich hierbei, es sollte niemanden überraschen, in der Hanfpflanze wieder – diese enthält über 500 Cannabinoide, wobei zwei Cannabinoide die öffentliche Wahrnehmung dominieren: THC und CBD.

  • Bei THC handelt es sich korrekterweise um das Delta9-Tetrahydrocannabinol. Erstmals vom Chemiker Roger Adams identifiziert handelt es sich hierbei um das bekannteste psychoaktive Cannabinoid. Da THC die Hauptursache für die psychoaktive und berauschende Wirkung von Cannabis ist erstaunt es nicht, dass die Anbaubestimmungen für Industriehanf einen THC-Grenzwert von 0,3% vorsehen. Bei THC handelt es sich auch um den in Österreich einzigen illegalen Bestandteil der Hanfpflanze. Grundsätzlich lässt sich auch THC medizinisch anwenden, beispielsweise in der Schmerz- und Depressionstherapie aber auch bei Glaukom, seine psychoaktive Wirkung kann für viele Patienten jedoch auch problematisch sein. Aus diesem Grund gibt es ein THC-Präparat namens „Dronabinol“ in Apotheken zu kaufen (das Für und Wider von synthetischen im Vergleich zu natürlichen Cannabinoid-Präparaten werden wir in einem späteren Blogeintrag diskutieren), welches die psychoaktive Wirkung stark abmildert.
  • Bei CBD handelt es sich um das so genannte Cannabidiol. CBD besitzt keine psychoaktiven Eigenschaften und ist daher fast ausschließlich für die medizinische Anwendung interessant. Im Gegensatz zu THC gibt es keine gesetzliche Regulierung bezüglich CBD – es ist in jeder Konzentration legal. Da die Wirkstoffkonzentration von THC und CBD in der Hanfpflanze aber miteinander verbunden sind, beschränkt ein THC-Grenzwert von 0,3% auch den maximalen CBD-Gehalt einer Hanfpflanze (als Faustformel lässt sich sagen, dass unter diesen Anbaubedingungen der CBD-Gehalt 10% nur schwer übersteigen kann). Interessant ist, dass CBD antagonistisch zu THC wirkt: Während THC ein Agonist für die (meist im Nervensystem und Gehirn befindlichen) CB1-Rezeptoren ist, dockt CBD antagonistisch an diesen Rezeptoren an und dämpft damit ihre Wirkung – dies erklärt auch die fehlenden psychoaktiven Eigenschaften von CBD. Der medizinischen Wirkmächtigkeit von CBD werden wir uns in zukünftigen Blogeinträgen weitaus genauer widmen, für den Anfang reicht der Verweis auf seine entkrampfenden, entzündungshemmenden, angstlösenden und übelkeitssenkenden Effekte.

Was bedeutet das für die medizinische Nutzung von Marihuana?

Treffen wir an dieser Stelle eine kurze inhaltliche Kapitulation: Die Ursache dafür, dass wir Hanf überhaupt medizinisch Nutzen können liegt in unserem Endocannabinoid-System. Dieses geht in seiner Wirkmächtigkeit weit über die in Hanf enthaltenen Cannabinoide hinaus, kann diese jedoch auch verwerten. Da viele Krankheitsbilder oft mit einer Änderung des Endocannabinoid-Haushaltes einhergehen, kann die Zuführung externer Cannabinoide den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Doch hier beginnt die eigentliche medizinische Arbeit:

  • Welches Cannabinoid ist bei welchem Krankheitsbild am besten geeignet?
  • Ist es möglich Cannabinoide ausschließlich lokal zu applizieren?
  • Welche weiteren Cannabinoide der Hanfpflanze können genutzt werden – und wie?

Durch die hohe Wirkmächtigkeit des Endocannabinoid-Systems ist davon auszugehen, dass Cannabinoid-Therapie in den nächsten Jahrzehnten in der Medizin zunehmend an Stellenwert gewinnen wird. 

 

Für weiterführend Interessierte:

 

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen