Wie CBD und THC bei Multipler Sklerose wirken können

Am von Paul Purgina

Wie CBD und THC bei Multipler Sklerose wirken können
Der folgende Text dient ausschließlich Informationszwecken, er ist keine medizinische Beratung und ersetzt kein ärztliches Gespräch.
Wer nicht den gesamten Text lesen möchte – ganz am Textende findet sich ein „Multiple Sklerose FAQ“ in dem wir die wichtigsten hier besprochenen Punkte kompakt zusammenfassen.

 

Am 30. Mai ist Welt-Multiple-Sklerose-Tag. Das Ziel dieses Tages besteht darin, Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, die mit multipler Sklerose (im folgenden als MS bezeichnet) leben und ein Bewusstsein für die Krankheit innerhalb der Gesellschaft zu schaffen.

Da in Österreich rund 12.500 Personen an einer Form von MS leiden und Cannabis einer der „Geheimtipps“ bei der Behandlung von MS ist, ist dies für uns Grund genug einen näheren Blick auf multiple Sklerose und den Einfluss von Cannabinoiden auf den Krankheitsverlauf zu werfen.

 

Multiple Sklerose – was ist das?

 

Bevor wir uns der Wirkungsweise von Hanf zuwenden können ist es notwendig, das Krankheitsbild von multipler Sklerose kurz zu skizzieren.

Bei MS handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Die Entzündungsherde selbst treten an unterschiedlichen (multiplen) Stellen des ZNS auf, im Gehirn- und Rückenmark, was die Verhärtung und Vernarbung (Sklerose) von umliegendem Gewebe zur Folge hat.

Die Ursachen der Erkrankung selbst sind noch nicht restlos geklärt, vermutet wird eine Störung des Immunsystems, die sich dahingehend äußert, dass körpereigene Abwehrzellen gegen die die Nervenzelle umgebenden Myelinscheiden vorgehen.

 

Auswirkungen von Multipler Sklerose

Die Symptome von MS hängen dementsprechend davon ab, welche Nerven des ZNS besonders von der Entzündung betroffen sind. Grundsätzlich ergibt sich dadurch ein sehr weites Spektrum potentieller Symptome, am Häufigsten sind jedoch der Sehnerv, das Rückenmark sowie mit Nervenwasser gefüllte Hohlräume betroffen. Medizinisch werden die von der Entzündung betroffenen Areale als Plaques bezeichnet.

Da, wie eben beschrieben, die Auswirkungen von MS vom konkreten Entzündungsherd abhängig sind, gibt es für Betroffene keine einheitliche Symptomatik, gehäuft lassen sich aber folgende Symptome finden:

  • Sehstörungen: Getrübte Sicht, Doppelbilder, ...
  • Empfindungsstörungen: Taubheit in den Gliedmaßen, Kribbeln, Muskelschwäche, Muskelsteifigkeit, Koordinationsstörungen, ….
  • Mattigkeit und Ermüdbarkeit
  • Konzentrationsprobleme

Prinzipiell kann aber jede durch das ZNS gesteuerte Funktion von MS betroffen sein. Da MS oft in „Schüben“ auftritt, es also durchaus auch beschwerdefreie Phasen gibt, kann je nach Schub und betroffener Region der Leidensdruck durch MS erheblich variieren.

Hinsichtlich der Klassifikation von MS wird hier unterschieden in die

  • Schubförmig wiederkehrende MS: Das Krankheitsbild ist von regelmäßig wiederkehrenden Schüben gekennzeichnet, welche mehrere Tage bis Wochen andauern können. Zwischen den Schüben folgt eine Rückbildung der Symptome und die meisten Patienten sind währenddessen beschwerdefrei.
  • Sekundär progrediente MS: Hier nimmt die Zahl der Schübe ab, dafür gibt es eine kontinuierliche Zunahme der Symptome. Es gibt kaum mehr beschwerdefreie Phasen. Oft geht die sekundär progrediente MS aus der schubförmig wiederkehrenden MS hervor – insbesondere wenn diese nicht behandelt wird.
  • Primär progrediente MS: Auch hier treten keine Schübe auf, sondern eine kontinuierliche Zunahme der Symptome. Im Gegensatz zur sekundär progredienten MS gibt es aber kein Vorstadium sondern der Krankheitsverlauf beginnt direkt mit der PP-MS.

Zusammengefasst lässt sich MS dementsprechend folgendermaßen charakterisieren:

  • Chronische Entzündung des zentralen Nervensystems
  • Variierende Symptome je nach betroffenem Entzündungsherd
  • Unterschiedliche Krankheitsverläufe, oft aber in „Schüben“ auftretend

Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass es kein Patentrezept bei der Therapie von multipler Sklerose gibt und Betroffene bei der optimalen Therapieform viel herumexperimentieren müssen und manchmal trotzdem keine zufriedenstellende Linderung der Symptome erlangen können.

Viele Erfahrungsberichte von Patienten zeigen, dass auch Cannabis hier ein wirkmächtiges Therapiemittel darstellt. Leider ist die Studienlage noch etwas dünn, weswegen in der klinischen Medizin oft andere Mittel angewandt werden, aus bisherigen Studien und Erfahrungsberichten von PatientInnen lässt sich aber erkennen, dass Cannabis hier durchaus Potential besitzt – vor allem zwei Cannabinoide: CBD und THC.

Grund genug den Wirkmechanismus dieser Cannabinoide bei MS näher unter die Lupe zu nehmen.

 

CBD und Multiple Sklerose

 

Als erstes widmen wir uns dem potenziellen Einfluss von CBD auf MS. Hier ist als erstes festzuhalten, dass es leider noch kaum klinische Studien in diese Richtung gibt, weswegen man die potenzielle Wirksamkeit von CBD bei MS nur deduktiv vornehmen kann, indem man Wirkmechanismen von CBD mit Wirkmechanismen und Symptomen der MS abgleicht und dadurch potenzielle Anwendungsmöglichkeiten definiert. Da CBD grundsätzlich, wie von der WHO festgestellt, nicht schädlich ist, können Betroffene jedoch zumindest probieren ob ihnen CBD bei einem der MS-Symptome Linderung verschaffen kann, es gibt einige Erfahrungsberichte von Betroffenen die dies nahelegen.

Allgemein lassen sich folgende für die MS-Therapie interessante Wirkmechanismen von CBD benennen:

  • Entzündungen: CBD wirkt stark entzündungshemmend. Konkret wurde die Reduktion der Produktion und Sekretion des Zytokins Interleukin-17 beobachtet, welches bei Erkrankungen wie MS in erhöhter Konzentration auftritt. Bei Mäusen konnte daher beobachtet werden, dass CBD in einer chronischen Erkrankungsphase die Entzündungen reduzieren konnte und motorische Defizite gebessert werden konnten.
  • Schmerzen: Logischerweise kann CBD Schmerzen, die das Resultat einer Entzündung sind, lindern. Daneben wurde bei Mäusen aber auch beobachtet, dass CBD neuropathische Schmerzen reduzieren kann.
  • Schlaf: In geringen Dosen wirkt CBD anregend, in hohen Dosen sedierend. Das Wissen über die korrekte Dosierung von CBD um seine anregende oder sedierende Wirkung nutzen zu können, könnte daher für manche Betroffene bei der Therapie von Begleiterscheinungen der MS-Erkrankung nützlich sein.
  • Depressionen: Laut tierexperimentellen Studien und individuellen Erfahrungsberichten kann CBD auch antidepressiv wirken. Da die MS-Erkrankung – gerade in akuten Phasen – auch mit Stimmungsschwankungen und Verstimmungen einhergeht, könnte auch dieses Symptom durch CBD gemildert werden.
  • Nervenschutz: Bei einer Tierstudie mit Ratten konnten neuroprotektive Eigenschaften von CBD festgestellt werden. Auch wenn sich daraus unmittelbar für die Therapie von MS nichts ableiten lässt, könnte auch dies ein vielversprechender Ansatz sein, da MS ja eine Entzündung des zentralen Nervensystems darstellt.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass CBD hinsichtlich der Anwendung bei MS vor allem einen interessanten Wirkmechanismus aufweist, nämlich den entzündungshemmenden. Hier wurden bereits konkrete Beobachtungen hinsichtlich der Auswirkungen von CBD auf die Entzündungsherde bei MS getätigt und auch wenn keine klinische Studie vorliegt, weist CBD hier vielversprechendes Potenzial auf.

Hinsichtlich der anderen Wirkmechanismen von CBD ist die Datenlage noch dünner, insbesondere die schmerzreduzierende sowie die neuroprotektiven Wirkmechanismen von CBD geben jedoch Anlass zur Hoffnung, dass das therapeutische Potenzial von CBD größer ist als gedacht.

 

THC und Multiple Sklerose

 

Da CBD frei und legal erhältlich ist, stellt es für viele PatientInnen sicher eine attraktivere Anwendungsmöglichkeit als das psychoaktive THC dar, jedoch ist das medizinische Potential von THC bei MS in einigen Bereichen inzwischen gut dokumentiert, weswegen wir es für wichtig halten, auch dieses darzustellen. Interessant sind vor allem folgende Wirkmechanismen:

  • Muskelentspannung und Entkrampfung: THC wirkt sowohl muskelrelaxierend als auch entkrampfend. Muskuläre Probleme (Steifigkeit, Verspannung, aber auch Spastiken) sind oft Teil der bei MS auftretenden Symptome. Hier konnte der positive Einfluss von THC bei diesen Symptomen auch schon in klinischen Betrachtungen und Studien festgestellt werden – insbesondere die erfolgreiche Behandlung von Spastiken durch THC ist inzwischen gut dokumentiert.
  • Schmerzen: THC wirkt weitaus stärker in der Schmerzreduktion als dies bei CBD der Fall ist, weswegen auch die potentiellen Anwendungsgebiete in der Schmerztherapie weitreichender sind, vor allem bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen scheint THC wirkmächtiger als CBD zu sein.
  • Schlaf: Ähnlich wie CBD wird auch THC bei Schlafproblemen eingesetzt.
  • Depressionen: Ähnlich wie CBD weist auch THC anti-depressive Eigenschaften auf. Aufgrund seiner psychoaktiven Wirkung kann THC jedoch auch Depressionen fördern. Hier sollte definitiv kein leichtfertiger Umgang mit der Substanz erfolgen.

Der große Vorteil an THC ist, dass vor allem die muskelrelaxierende Wirkung schon in zahlreichen Studien nachgewiesen werden konnte und mit Sativex und Dronabinol auch zwei Medikamente auf THC-Basis erhältlich sind. Hier müssen sich Betroffene nicht als „Versuchskaninchen“ fühlen sondern können auf klinische Studien zurückgreifen, in denen die Wirksamkeit belegt werden konnte.

 

 

CBD und THC – Unterschiedliche Anwendungsgebiete?

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass CBD und THC sich hinsichtlich ihres primären Wirkmechanismus bei MS fundamental unterscheiden:

Ist CBD vor allem aufgrund seiner entzündungshemmenden Eigenschaften für MS-Betroffene interessant, sind es bei THC die muskelrelaxierenden Effekte, die von PatientInnen sehr geschätzt werden. Daneben sind sich die Anwendungsgebiete - bei Schmerzen, bei Depressionen, bei Schlafproblemen und zum Nervenschutz – durchaus ähnlich, wenngleich die Wirkmechanismen unterschiedliche sind. Da THC psychoaktive Eigenschaften besitzt, sollte man hier eine etwaige Therapie stets nur unter ärztlicher Aufsicht durchführen, während CBD hier keine nennenswerten Nebenwirkungen aufweist und auch nicht psychoaktiv wirkt.

Das „Ausprobieren“ von CBD kann daher durchaus eine Idee sein, im schlimmsten Fall hat man etwas Geld für nichts ausgegeben.

 

Zusammenfassung

 

Multiple Sklerose:

  • Chronische Entzündung des zentralen Nervensystems
  • Variierende Symptome je nach betroffenem Entzündungsherd
  • Unterschiedliche Krankheitsverläufe, oft aber in „Schüben“ auftretend

Symptom

CBD

THC

Entzündungen im ZNS

Wirkt entzündungshemmend

-

Muskelverkrampfungen und Spastiken

-

Wirkt muskelrelaxierend und -entkrampfend

Schmerzen

Besonders bei entzündungsbedingten Schmerzen hilfreich, aber auch bei anderen Schmerzen individuelle Erfolgsberichte

Schmerzstillende Wirkung weitreichender, vor allem bei neuropathischen Schmerzen

Schlaf

In niedrigen Dosen: Anregend

In hohen Dosen: Sedierend

Wirkt sedierend

Depressionen

Gibt Berichte über stimmungsaufhellende Wirkung

Grundsätzlich anti-depressives Potenzial, kann aber auch Depressionen begünstigen da psychoaktiv.

Nervenschutz

Im Tierversuch wurden neuroprotektive Eigenschaften beobachtet

-

 

Wichtig: Insbesondere bei CBD ist die Studienlage sehr dünn und es sind keine klinischen Studien vorhanden.

Bei THC ist vor allem die Anwendung bei Krämpfen und Spastiken gut dokumentiert und auch in klinischen Studien nachgewiesen.

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